Voller Erwartungen?

Beitrag vom 01. Juni 2022

Wow, wo soll ich anfangen? Oh, derer sind viele! Was ich mir so von anderen wünsche und welchen Erwartungen sie stand halten müssen, es könnte ein abendfüllendes Programm werden. Und was wir darüber hinaus vom Leben erwarten, es könnte einen Roman füllen. Und dann sind da noch die Erwartungen an uns selbst, es dürften weniger sein!

Erwartungen brauchen Freiheit!

Niemand mag Erwartungsdruck und doch ist er uns wohl bekannt: Wir werden regelmäßig mit (übergroßen) Erwartungen konfrontiert. Wir sollen SO sein und genau DAS tun. Wenn wir nicht funktionieren, hören wir den Satz „Ich bin enttäuscht von dir!“ oder „Von dir hatte ich mehr erwartet!“. Wir fragen uns, wie es dazu kommt, dass andere so viel von uns erwarten und wir immer gut performen müssen.

Erwartungen engen ein und machen uns inaktiv!

Wir machen es andererseits oft nicht anders und erwarten von unserem Umfeld, genau so zu sein, wie wir uns das vorstellen. Er muss doch genau so fühlen – denn wir können sein Empfinden nicht nachvollziehen. Sie sollte sich regelmäßig melden – denn wir können nicht jeder Person nachgehen. Wir erwarten von der Politik schmerzfreie Zukunftsentscheidungen, damit alles gut wird – und gehen nicht zur Wahl. Dadurch wird zum einen unser Fokus enger und zum anderen werden wir inaktiver.

Wenn es um unser Leben geht, sind wir voller Erwartungen!

Diese Denk-und Handlungsweise wenden wir häufig auf unser Leben als Ganzes an. Wir haben klare Erwartungen an unser Leben. Schließlich soll das Leben mir etwas bieten. Was aber tun wir, wenn das Leben anders verläuft und unser Lebensentwurf durchkreuzt wird? Manchmal verlangt uns das Leben eben auch viel ab. 

Stellen wir uns das Leben mal als Person vor. Es wäre eine Person, die ständig hört: „Ich bin enttäuscht von dir!“ oder „Von dir hatte ich mehr erwartet!“. Wie fühlt sich die Person „Leben“, wenn sie täglich von vielen Menschen diesen Satz hört? Hat „das Leben“ vielleicht mittlerweile tiefe Selbstzweifel und leidet unter einer Bindungsstörung? Macht uns eine solche Erwartungshaltung an unser Leben nicht auch sehr passiv?

Das Leben braucht unser Handeln!

Hubertus Meyer-Burckhardt interviewte mehrfach die Soziologin Annelie Keil, zuletzt im Februar diesen Jahres in der NDR-Talkshow. Von ihr stammt der Satz:

„Das Leben muss nicht halten, was ich mir von ihm versprochen habe!“

Wieviel innere Energie setzt das in uns frei, das Leben zu gestalten. Plötzlich wird das Leben zu etwas, das ich gestalte und auch verantworte. Das ist ganz schön aktiv und führt in eine Freiheit. Annelise Keil sagt weiter: „Wir sind aufgefordert dem Leben beizustehen.“ Was für eine schöne Sichtweise. Gerade noch voller Erwartungen mit einer Bestellliste im Kopf haben wir plötzlich ein leeres Blatt vor uns, das wir füllen können. Mit dieser anderen Sichtweise, verlassen wir die passiv-erwartende Lebenssicht und wechseln zu einer aktiv-handelnden Lebenssicht.

Vielleicht ist es gut, einander im Denken und Handeln frei zu geben und uns überraschen zu lassen. Vielleicht sehen wir die nächste Herausforderung als Möglichkeit, uns in unserer Lebensgestaltung zu entwickeln. Vielleicht ist Freiheit und Weite das wahre Leben.