Nichts verpassen oder den Moment genießen!

Beitrag vom 01. März 2023

Bloß nichts verpassen und alles mitbekommen, ist ein hoher Wert. Den Moment zu genießen, scheint manchmal eine Herausforderung zu sein. Nehmen Sie sich mal zwei Minuten Zeit und überfliegen den Text.

Bloß nicht verpassen!

Was könnten Kinder einander raten, wenn Eltern auf ihr Weinen nicht reagieren? „Darauf reagieren die nicht, du musst vibrieren oder „Ping“ machen.“ Wie gebannt schauen manche Menschen in ihr Handy, um möglichst alles mitzubekommen. Nichts darf verpasst werden. Dabei entsteht in uns nicht immer nur Begeisterung. Denn es kann zu einer Veränderung unserer Wahrnehmung kommen. Ich sehe das perfekte Leben anderer und in mir macht sich das Gefühl breit, ständig etwas zu verpassen. Die Überbeschäftigung mit dem Leben anderer und der neidvolle Blick können sich auswirken. Es kann zu einem überstarken Grübeln mit Schlafstörungen führen. Es können Selbstzweifel entstehen, die an unserem Selbstwert nagen und wir können müde und lustlos werden. Spätestens dann stecken wir in der FOMO-Falle.

Kennen Sie FOMO?

Dieser Begriff bedeutet „Fear of missing out!“ Es ist die Angst, etwas zu verpassen. Diese Furcht hat durch die Nutzung der (sozialen) Medien stark zugenommen. Man möchte gerne dabei sein und möglichst alles mitbekommen. Etwas nicht gesehen zu haben und nicht darüber reden zu können, ist ein Makel geworden. Stärker ist es noch bei den Online-Spielen zu beobachten, bei denen ich im Ranking falle, wenn ich nicht ständig dabei bleibe. Immer wieder ist dann bei der Suche nach einem schönen Urlaubsort das Hauptkriterium: „Ist dort W-Lan vorhanden.“ Wenn es zur Sucht geworden ist, kann man schon mal viele Stunden an der Adria im Wohnwagen zocken. Viele Unternehmen nutzen das Phänomen und richten ihre Werbung entsprechend darauf aus. Auch dort sollen wir dazugehören und möglichst alles mitbekommen. Ungeachtet der modernen Medien ist es ein hoher Wert geworden, möglichst vieles mitzubekommen und erlebt zu haben (und es anderen zu berichten).

Einsteigen!

Neben der möglichen gesundheitlichen Auswirkung, verzerrt es auch unsere Fähigkeit zur Begegnung. Denn das entfernte Dabeisein gibt uns nur das Gefühl von Beziehungen und Erlebnissen. Spätestens am Grab helfen 100 „Traurig-Smileys“ den Hinterbliebenen wenig. Wenn wir also spüren, dass die Angst, etwas zu verpassen, in uns immer größer wird, gilt es, in die Realität einzusteigen. Der Dichter Henry David Thoreau zog sich 1845 für zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage im Wald zurück. Er widmete sich der Landwirtschaft und versuchte, in der Einsamkeit ins Leben einzusteigen. Sein Appell lautet sinngemäß: „Lasst uns das Mark des Lebens in uns aufsaugen, auf dass wir in der Todesstunde nicht einsehen müssen, nie gelebt zu haben.“ Eigentlich war es weniger ein Appell als eine Rechtfertigung. Denn sein Verhalten wurde nicht verstanden. Wir verstehen das sofort, denn wer heute nicht bei allem dabei ist, wird schnell kritisiert. 

Wer nichts verpassen will, verpasst das Leben!

Vielleicht steigen wir mal neu ins Leben ein. Vielleicht für zwei Stunden, zwei Minuten und zwei Sekunden. Das reale Kneten eines Hefeteiges mit einem Kind z.B. ist mehr Leben als Foodporn. Da macht man sich die Hände schmutzig, da gibt es echt was zu riechen, da fällt auch mal was runter, da wird geredet und vielleicht auch Quatsch gemacht (wer schlägt den Teig am besten auf die Arbeitsplatte?)…,da kann man echte Beziehung leben.

Thoreau wollte alles, was „Nicht-Leben“ war, loswerden. Er wollte nicht alles mitbekommen, aber Leben mitbekommen. Er wollte nicht überall dabei sein, aber da sein. Er wollte nicht alles aufnehmen (und mitnehmen), sondern loslassen, was für ihn kein Leben ist. Gönnen wir unserem Leben doch einmal zwei Stunden, zwei Minuten und zwei Sekunden und schauen, was passiert.