Aufblick im Tal der Verzweiflung!

Beitrag vom 15. Oktober 2022

Wenn wir nicht weiter wissen, sind wir verzweifelt und verlieren manchmal die Hoffnung. „Die Kurve des Wissens“ von Dunning Kruger lädt zu einer anderen Sichtweise ein: Wer nicht weiter weiß, hat erkannt, dass er nichts weiß und das ist wiederum ein Zeichen von Verständnis, auf das ich aufbauen kann. Wie geht es weiter?

Das Tal der Verzweiflung nach Dunning Kruger! 

Ein hohes Selbstvertrauen kann Zeichen größter Idiotie sein!

Kennen Sie Dunning Kruger? Die beiden Wissenschaftler haben eine Kurve des Wissens erstellt und laden uns zu einem Gedankenexperiment ein: Ob vorgegeben durch die Schule oder aus Neugier selbst ausgesucht, wir häufen uns gerne Wissen an. Egal ob wir eine Sprache lernen oder uns in ein neues Programm erarbeiten, alles beginnt mit Unwissenheit. Wir verstehen nur Bahnhof. Relativ schnell haben wir dann Lerneffekte und trauen uns selber immer mehr zu. Bei kleinen Kindern hören wir in einem solchen Moment den Satz „Das kann ich schon alleine!“ Begeistert, besorgt und amüsiert sehen wir unseren Kindern zu. 

Bei Erwachsenen wird es dann irgendwann schwierig, denn das angehäufte Wissen gibt das Gefühl, alles schon (besser) zu wissen. Dunning Kruger sprechen von einem „Ignoranten Idioten“ oder von dem Erklimmen des Mt. Stupid. Die Karrierebibel nennt es „Dumminant“. Die Menschen sind dann vielleicht in der Lage zu Sätzen wie „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!“ – amüsant, aber mehr auch nicht. Es hat sich noch nicht genügend entwickelt und trotzdem trauen die Menschen sich zu viel zu. Wir alle kennen Menschen, die mit einem großen Habitus durch die Welt gehen, als ob sie alles wüssten. Abiturienten oder Paare am Traualtar sind oft in einer solchen Gefahr. Und dann kommt der Absturz. Man merkt, -wenn es gut läuft, dass man vieles nicht weiß.

Im Tal der Verzweiflung können wir realistisch aufblicken!

Wissen anzuhäufen ist ein guter Start. Wer dort stehenbleibt, wird sich aber nicht entwickeln (höchstens befördert). Er hat dann für jedes Problem 5-6 Lösungen anzubieten. Wer aber (Lebens-)Experte werden möchte, wird sich weiter entwickeln und immer mehr merken, was er noch nicht weiß und was nicht gelingt. Das ist ganz natürlich und gesund. Diesen Zustand nennen Dunning Kruger das „Tal der Verzweiflung“. Hier passt der bekannten Satz von Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“. Es ist ein Satz, der uns von unserer Selbstüberschätzung befreit und uns auf den Boden der Realität zurück führt. Auch wenn sich das nicht gut anfühlt, ist es ein Zeichen davon, es richtig gemacht zu haben. Denn jetzt ist im Gegensatz zur „Ignoranten Idiotie“ Entwicklung möglich. Ich kann aufblicken und Perspektive gewinnen.

Das Tal der Verzweiflung ist voller Möglichkeiten!

Jetzt kann ich erst einmal gründlich nachfragen und lernen. Wer eine Sprache lernt, kann schnell nach dem Weg zur Pizzeria fragen. Wer die Sprache richtig lernt, wird immer besser kommunizieren können. Wer sie richtig gut gelernt hat, versteht auch die Zwischentöne und kann sogar Witze pointiert erzählen. Der Aufblick wäre vom Moment der Idiotie nicht möglich, denn dort gibt es nichts über uns. Jetzt aber geht es richtig los.

Wenn in Beziehungen so ein Moment erreicht ist, sollte man sich freuen, denn nun kann man an der Beziehung arbeiten und den Kontakt vertiefen. Nach Dunning Kruger geht es jetzt bergauf. Wenn es gut läuft, kommen wir von dem Gefühl, dass nichts geht und wir nicht weiter wissen, zu der Erkenntnis, dass es „kompliziert“ ist. Wenn es sehr gut läuft, bleiben wir bei der Erkenntnis, dass es noch viel zu lernen gibt. Wir schlafen also nicht ein, sondern gestalten selbstbewusst unsere Beziehung, ohne uns zu überschätzen.

Zeit schenken!

Legen Sie diese Darstellung mal wie eine Blaupause auf Ihre Situation, in der Sie nicht weiter wissen. Sei es eine Paarbeziehung, eine berufliche Situation, eine Herausforderung ,die nicht überwindbar scheint. Wir verzweifeln an manchen Situationen, auch weil wir uns nach dem Gefühl sehnen, alles leicht zu verstehen und zu können. Das führt uns aber bekanntermaßen in die Idiotie. Wenn unsere neue Lebenssituation kompliziert ist, ist sie kompliziert und nicht unlösbar. Dunning Kruger nennen es den „Weg der Erleuchtung“. Vielleicht etwas hochtrabend, aber so ein inneres Bild eines Sonnenaufgangs für unsere Situation… man könnte es hoffnungsvoll nennen!