Schwäche als größte Stärke

Beitrag vom 01. November 2023

Wenn alles immer gut und erfolgreich ist, ist nicht alles gut. Dann fehlt mir der Zugang zu meiner Schwäche. Sie könnte meine größte Stärke sein.

Starke Geschichten zeigen Schwäche

Gerne zeigen wir einander unsere starken Seiten, erzählen von unseren Erfolgen und verbergen unsere Schwäche. Krisengeschichten werden in der Regel nur im Nachhinein erzählt, und auch nur, wenn die Person sie erfolgreich gemeistert hat. Diese, häufig männliche Verhaltensweise, ist eine unserer größten Schwächen. Sie lässt keine Begegnung auf Augenhöhe zu, sondern fordert Bewunderung. Schade!

Schwächen machen uns menschlich

In vielen Ratgebern lesen wir, wie man die Schwächen in Stärken verwandelt. Eine Schwäche wird wie ein Gebrechen wahrgenommen. Wer über seine Schwäche spricht, hat anscheinend sein Leben nicht im Griff und muss beratschlagt werden. Deswegen entschuldigen sich erwachsene Menschen in der Regel, wenn sie weinen. Wie oft habe ich in einem therapeutischen Gespräch den Satz gehört: „Ich wollte auf keinen Fall weinen.“ Wir ernten Mitleid, das uns oft klein macht oder wir erleben Kritik. Nur wer weint, kann sich auch ausweinen. Wer seine Schwäche zeigt ist stark.

Schwäch zeigt das ganze Bild

Wir weinen, weil uns etwas überfordert und traurig macht. Wir drücken damit unsere Gefühle aus. Wer gerade etwas nicht hinbekommt und nicht weiter weiß, kann einen Zugang zu seiner Schwäche bekommen. Sie als Teil von sich zu erleben, vergrößert die eigene Selbstwahrnehmung. Die starke Seite gibt es nur, weil es auch eine schwache Seite gibt. Wer nur über seine Stärke spricht, ist also eine halbe Portion, die konturlos wirkt.

Schwäche ermöglicht Begegnung

Wenn wir nicht ständig unsere siegreichen Geschichten erzählen, sondern auch die Sorgen und Schwächen einen Raum haben, entstehen tiefere Begegnungen. Eine Beziehung, in der das möglich ist, hat Raum für den ganzen Menschen. Wir wissen mehr voneinander, können voneinander lernen und vielleicht auch Dinge verändern. Wer gemeinsam weint, erlebt Nähe, aus der heraus eine verbindende Kraft erwachsen kann. Große Dinge wie z.B. die Menschenrechte oder der Gedanke der Gleichheit sind aus dem gemeinsamen Entsetzen entstanden. Wenn Dinge schief laufen, kann man sie bearbeiten. Stärken kann man nur bewundern. Wenn wir Schwächen zulassen, werden wir mit Menschlichkeit beschenkt.