Ist Eheglück ein Oxymoron?

Beitrag vom 15. August 2022

Glücklich miteinander zu leben, scheint nicht selbstverständlich zu sein. Die vielen Ratgeber sprechen Bände. Aber vielleicht gelingt es mit ein wenig Beachtung, dennoch glücklich miteinander zu leben.

Was ist ein Oxymoron?

Wer es fachlicher ausdrücken möchte, spricht von einem Oxymoron. Gemeint ist damit einen Widerspruch in sich. Zwei sich widersprechende Begriffe werden zusammengefügt, um auf etwas aufmerksam zu machen. Wir finden etwas bittersüß oder schaurig-schön und in Hölderlins Heidelberger Ode lesen wir sogar den Begriff „traurigfroh“.

Manche Begriffe sind uns geläufiger. So haben wir ein inneres Bild von einem „alten Knaben“ oder von einem „beredten Schweigen“. Wir raten uns gegenseitig zur „Eile mit Weile“ oder spornen uns an mit „Beeil dich mal langsam!“.

Man könnte es weiterspinnen und über „virtuelle Realität“ nachdenken oder sich fragen, was ein „eingefleischter Vegetarier“ ist. Böse Zungen behaupten, dass sogar Begriffe wie „Politikerethos“ oder „Steuerrecht“ ein Widerspruch in sich seien. Aber aus dieser Diskussion halte ich mich heraus.

Ist denn eine „glückliche Ehe“ ein Widerspruch in sich?

Wenn man auf die Beziehungen schaut, sind auf den ersten Blick alle Ehen und Beziehungen glücklich. Auf den zweiten Blick lässt uns die Scheidungsrate ein wenig zweifeln. Auch Paare, die sich als glücklich bezeichnen, sind es nicht immer. Im Alltag sich aus den Augen zu verlieren und nicht im aktiven Gespräch zu bleiben, ist sehr leicht. Das gelingt wie von selbst und funktioniert sogar automatisch. Plötzlich lebt man mehr nebeneinander und weiß oft gar nicht warum.

Literarisch hat Erich Kästner es mit seiner „Sachlichen Romanze“, in der die Liebe „plötzlich abhanden“ kam, wunderschön beschrieben. „Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.“ Seltsam! Wir kontrollieren regelmäßig den Ölstand am Auto und schauen, ob wir mit unserem Konto im Soll oder Haben sind. Jede Person, die sagt, dass es von alleine schon läuft, bekommt irgendwann von der Bank einen Brief mit dem Hinweis „SOLL mal vorbeikommen!“, oder hört vom der Werkstatt das Wort „Motorschaden“. Diese Dinge vermeiden wir selbstverständlich.

Eine glückliche Ehe gelingt durch selbstverständliche Beachtung!

Einander zu beachten, ist doch einfach selbstverständlich! Wir könnten in unserer Beziehung darauf achten, immer wieder etwas auf das Beziehungskonto einzuzahlen, gelingt uns doch die Abhebung auch sehr leicht. Wer in der Partnerschaft glücklich leben möchte, wird seinem Glück (Partner:in) Beachtung schenken. Dafür braucht es vor allem das interessierte Gespräch miteinander. So wie die Kontrolle des Ölstandes die Autofahrt sichert, ermöglicht die Gesprächszeit das Beziehungsglück. Das wertschätzende Zuhören ist deutlich wichtiger als ein teures Geschenk oder der besondere Urlaub.

Wenn Sie das noch toppen möchten, könnten Sie einander im Gespräch ansehen. Das Hinschauen, also Beachten, eröffnet uns Welten. So albern der Hinweis auch klingt, so selten wird er von Paaren praktiziert, denn viele Sätze würden mit einem augenblicklichen Kontakt anders ausgedrückt werden.

Sprechen Sie sich nicht aus, sprechen Sie sich an!

Wir möchten so gerne Dinge klären und abhaken. Dann ist alles klar und jeder geht seinen Weg. Das ist sehr gut, aber nur die halbe Miete, denn sie dürfen auch gerne ihren Weg zusammen gehen. Sprechen Sie die Dinge an, aber nie mit dem Ziel, das Gespräch zu beenden. Wer sich ein für alle Mal ausgesprochen hat, hat sich nichts mehr zu sagen. Im Gespräch zu bleiben, bedeutet sich miteinander zu entwickeln. Auch wenn Sie im Moment etwas klären, bleiben Sie dabei ,das gemeinsame Glück zu finden. Denn manche Klärung öffnet uns für liebevolle Zuwendung. Das hört sich doch glücklich an!