Alle Beachtung!

Beitrag vom 15. November 2022

Gerade sitze ich am Computer und recherchiere (so nennt man sinnloses googeln heutzutage). Plötzlich werde ich gebraucht und reagiere gereizt. Oder ich reagiere mit Beachtung und erlebe etwas Lebendiges!

Beachtung und Beachtungsbedarf!

Kinder gaben in einer Untersuchung preis, was sie an ihren Eltern am meisten stört, wenn sie Beachtung suchen. Natürlich war es das Handy der Eltern, denn die Kinder erlebten zweierlei. Entweder sie wollten etwas von den Eltern und wurden zurückgewiesen, weil die Eltern mit dem Handy beschäftigt waren. Oder sie hatten gerade die Aufmerksamkeit der Eltern und erlebten beim Klingeln des Handys, dass die Eltern sofort das Gespräch unterbrachen. In beiden Situationen lernten die Kinder, dass ein Handy wichtiger ist als sie. Auch der häufige Blick auf den Rücken der Eltern (die gerade am Computer sitzen), ist nicht das Glück auf Erden.

Das Bedürfnis, von Menschen gesehen zu werden, lässt auch im Erwachsenenalter nicht nach. In den Beziehungen ist es sogar ein vorrangiges Thema. Es geht bei der Verteilung von Aufgaben und dem Streit über die Finanzen oft nur hintergründig um die benannten Themen. Vorrangig geht es um das Gefühl, wahrgenommen, beachtet und wertgeschätzt zu werden. Gelingt uns das, ist die Lösung des scheinbar unlösbaren Problems zweitranig. Viele Menschen reagieren glücklich, wenn sie Beachtung erleben.

Besser als sabbern!

Ruth Chohn hat uns mit dem Satz „Störungen haben Vorrang!“ einen sehr hilfreichen Gedanken geschenkt. Ihr ging es dabei um die inneren Gefühle und Wahrnehmungen, die neben dem Hauptthema auch beachtet werden sollten. In vielen Situationen macht es einfach Sinn. Wenn ich zu zweit gemütlich auf dem Sofa liege und die Tür klappert, widme ich kurz der Tür meine Beachtung, damit ich entspannt zu zweit sein kann. Innere Konflikte und Gedanken sind etwas, was nicht übersehen werden sollte. Aber auch unser Umfeld möchte manchmal wie ein Kind aus dem Computer kriechen, um Beachtung zu erhalten.

Schenke ich Beachtung, kläre ich und nehme die Beziehung an. Es geht um ein bewusstes Beachten, ohne gleich wie der Pawlowsche Hund zu reagieren. Der konnte bei einem Reiz einfach nur sabbern, so wie wir ans Handy springen und alles stehen und liegen lassen. Wir hingegen können bewusst Beachtung schenken. War gerade noch das Kind störend, ist jetzt vielleicht mein Umgang mit dem Handy störend. Wann immer es uns gelingt, Beachtung zu schenken, hauchen wir den Beziehungen Leben ein. 

Ehrfürchtige Beachtung!

Der Gedanke der Beachtung lässt sich sogar noch steigern. Ein weiterer Merksatz von Ruth Chohn lautet: „Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum!“ Bei allem, was uns so beschäftigt, könnten wir fragen: „Ist es lebendig?“ und „Kann es wachsen?“ Wenn ein Computer nicht funktioniert, schenken wir ihm besondere Beachtung, bis er wieder läuft. Kommen wir nicht weiter, holen wir uns Rat und Hilfe bei anderen. Der Mensch ist eine lebendige Seele, die hie und da auch nicht so läuft, wie wir uns das wünschen. Vielleicht ist es gut, mal darüber nachzudenken, wie wir mit unserem Potential Beachtung umgehen und wer es geschenkt bekommen soll.