Beziehungsorientierung

Es ist nicht zu unterschätzen, wie wichtig für unsere Lebensgestaltung unsere Beziehungen sind. Wer mit Beziehungsorientierung ein stabiles Netzwerk gestaltet, wird in guten und in schlechten Tagen stabilisiert und fällt nicht so leicht ins Wasser.

»Unsere Fehler sind etwas, was uns fehlt, damit es andere ausfüllen können.«

Verfasser unbekannt

Beziehungen gestalten - Netzwerke bauen

Von Angesicht zu Angesicht

In den Kindergärten und Schulen in Silicon Valley sollen angeblich Handys und Tablets verboten sein. Gerade dort! Die Kinder, so die Begründung, sollen ungestört spielen und einander begegnen können. Wenn die Planer unserer digitalen Welt miteinander sprechen, gilt die Regel „Face to Face“. Man trifft sich von Angesicht zu Angesicht und macht etwas sehr seltsames: man spricht miteinander! In den Restaurants erkennt man diese Menschen daran, dass sie einen Handyturm bauen. Sie legen ihre Smartphones übereinander, um ungestört sprechen zu können.Wir brauchen den Blick in das Gesicht des anderen. Wir brauchen Zeit miteinander. So anstrengend wir viele Begegnungen oder Familientreffen auch erleben mögen, sie sind ein Wirkfaktor seelischer Gesundheit. Unsere Beziehungen sind nicht nur Freizeit, sondern ein stabilisierender Faktor. Selbst eine anstrengende Begegnung birgt Leben in sich. Mit dieser Haltung werden die Begegnungen verändert.

Beziehungsorientierung und die Kostenfrage

Es geht nicht nur darum, offen für Begegnungen zu sein. Wir bereichern unser Leben, indem wir uns Beziehungen etwas kosten lassen. Wer spendabel investiert, füllt damit gleichzeitig sein Beziehungskonto. Denn wir alle brauchen Menschen, die zuhören, mitgehen und auch mal aushalten. 

Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft stärkt das Vertrauen in die eigene Bedeutung und das eigene Handeln. Wenn wir anderen beistehen, wenn diese Hilfe brauchen, gestalten wir auch Beziehung. So ist ein Engagement für Nachbarn, in einer Gemeinde oder in einem Verein nicht zu unterschätzen.

Beziehungsorientierung als Auffangnetz

In der Regel haben die meisten von uns wenige Freunde. Oft sind es nicht mehr als drei bis fünf. Wenn man das im Gespräch erwähnt, widersprechen im ersten Moment viele und sind brüskiert. Wenn sie etwas länger überlegen, werden die Zahlen oft sogar als zu hoch angesehen. Freundschaften entstehen in vielen Jahren. So wie wir heute mit vielen per Du sind, so beschreiben wir Bekanntschaften auch als Freunde. Nun, das ist eine Sache der Definition und nimmt es vielleicht auch zu eng. 

Lebendiger ist das Bild des Netzwerkes. Ich kann mit deutlich mehr Menschen vernetzt als befreundet sein. Wer kann schon mit 100 Personen befreundet sein, wenn Freundschaft mehr als ein „like“ ist. Jedoch kann ich sehr leicht mit vielen vernetzt sein. Um gut durchs Leben zu kommen, brauche ich Beziehungen, die mich beleben. Wer Beziehungen gestaltet, baut ein Netz auf, das ihn auffängt.

Schenken Sie Beziehungschancen

Die Idealvorstellungen von vielen engen Freundschaften sind manchmal unrealistisch und binden uns. Wer sein Badezimmer renovieren möchte, ruft beim Klempner an. Niemand von uns würde den Dachdecker anrufen, weil der so gute Arbeit geleitet hat und wir uns schon lange kennen. Warum brauchen wir dann den einen Freund, der für alles da sein soll?
Unser Bild von Freundschaften neigt zur Überhöhung und kann sehr statisch sein. Es sind dann „echte Freunde“, die natürlich nie enttäuschen und immer da sind. Der hohe Anspruch der Freundschaft ist vielen Beziehungen im Weg, weil es ein sehr ausschließendes Bild ist. Und Sie möchten doch auch nicht ausgeschlossen werden. Also sagen Sie doch einfach „Guten Tag“, reden miteinander, gehen in Kontakt, laden ein, besuchen und verschenken Beziehungschancen.

Wolfgang Konietzko